(Update) Offener Brief an die Organisator*innen der Kundgebung „Friedenstreffen der Religionen beim Engel der Kulturen“ am 03.02. in Passau

Inhaltsverzeichnis

Wir haben mittlerweile folgende Stellungnahme per Mail erhalten:

der Anfangssatz wurde von Ihrer Seite missverstanden und die Einladenden zum Friedenstreffen der Religionen weisen es von sich, mit Pegida (welcher geographischen Variante auch immer) in Zusammenhang gebracht zu werden. Um Ihre Fragen zu unserem Standpunkt zu klären, maile ich Ihnen unsere Statements zu, die von ALLEN am Friedenstreffen der Religionen beteiligten Gruppen des Runden Tisches der Religionen getragen werden. Es ist geplant, sie beim Friedenstreffen zu verlesen.

Wir möchten auf Ihre Fragen, Kritiken und Gedanken eingehen - und auch ein Gespräch über verschiedene Konzeptionen des Toleranzbegriffs ist dabei denkbar. Daher laden wir Sie ein, am WOCHENTAG, den X. Februar zwischen 9.30 Uhr und 11.30 Uhr in das Referat für Religions- und Weltanschauungsfragen am Domplatz 9 zu kommen und mit Vertretern der Einladenden ins Gespräch zu kommen. Bitte teilen Sie uns mit, welche Uhrzeit für Sie passen würde.

Sonja Sibbor-Heißmann, Pfarrerin (ev.-luth.)

Martin Göth, Referent für Religions- und Weltanschauungsfragen (kath.),

Tanja Kemper, Deutscher katholischer Frauenbund Diözese Passau,

Axel Stark, Religions for Peace

* Die Datumsangabe wurde von uns herausgekürzt.

 

 

Liebe Organisator*innen und teilnehmende Organisationen der Kundgebung „Friedenstreffen der Religionen beim Engel der Kulturen“ in Passau am Dienstag den 03. Februar 2015.

Mit einiger Verwunderung haben wir ihren Flyer ihrer Veranstaltung zur Kenntnis genommen und erlauben uns, sie mit diesem offenen Brief um eine Stellungnahme zu verschiedenen Punkten des Aufrufs zu bitten. Wir formulieren unsere Fragen und unsere Kritik zu verschiedenen Punkten ihrer Veranstaltung als offenen Brief, da der Flyer leider kein vorgeschriebenes V.i.S.d.P. (Verantwortlicher im Sinne des Presserechts) aufführte und wir so nur erahnen können, wer sich hinter der Organisation der Kundgebung verbirgt, zu der rund 29 verschiedene religiöse Organisationen und Institutionen einladen.

Grundsätzlich finden wir einen Zusammenschluss vieler verschiedener, oft so zerstrittener religiöser Vertreter*innen für ein friedliches Miteinander und gegenseitige Akzeptanz als lobens- und erstrebenswert. Dennoch enthielt ihr Aufruf einige verstörende Punkte, bezüglich derer wir ihrerseits um Aufklärung bitten:

 

Auf dem Flyer (Foto im Anhang) rufen sie dazu auf, gegen „Pegida, Legida, Antipegida und Terrorismus“ ein Zeichen zu setzten, ein Zeichen für Frieden und Toleranz. Dazu einige Gedanken:

1. Sie scheinen in ihrem Aufruf die rassistische und fremdenfeindliche „PEGIDA“-Bewegung und die dieser entgegenstehende „ANTIPEGIDA“-Bewegung, die sich gegen Fremdenfeindlichkeit und für eine vielfältige Gesellschaft und ein friedliches akzeptierendes Miteinander einsetzt, gleich zu setzen. Es ist uns gelinde gesagt vollkommen schleierhaft, wieso sie diese beiden Positionen nicht nur gleichsetzen, sondern auch noch explizit gegen ANTIPEGIDA* ein Zeichen setzten möchten.

*Wir nennen die Anti-Begida-Bewegung ab dieser Zeile NOPEGIDA, da dies die Selbstbezeichnung der verschiedenen Bündnisse ist.

2. Nebenbei erstaunt uns doch einigermaßen, dass sie zwar den PEGIDA-Ableger LEGIDA, jedoch nicht den lokal wesentlich relevanteren neonazistisch motivierten bayerischen Ableger BAGIDA, der hier in der Region engagierte Anhänger verzeichnet, nicht erwähnen. Wie stehen sie zu dieser Bewegung?

3. Wöchentlich versammeln sich in ganz Deutschland weit über zehntausende Menschen aus allen Sparten und Gruppen der Gesellschaft, um in verschiedenen Städten mutig, aktiv und laut gegen den fremdenfeindlichen, islamophoben, rassistischen und antisemitischen Mob der -GIDA-Anhänger*innen einzustehen. Gegen diese möchten sie nun ein Zeichen setzten?
Zehntausende Menschen, die wöchentlich die Konfrontation nicht scheuen für eine friedliche Gesellschaft einzustehen, zu diskreditieren, begreifen wir als zutiefst verwirrend, ja als Farce. Bitte erleuchten sie uns hinsichtlich dieser Interpretation ihres Aufrufs.

4. Schlimmer noch: Sie setzten diese NOPEDIGA-Bewegung* weiter mit Terroranschlägen gleich, die sie in der -GIDA-Auflistung weiterhin erwähnen. Während zurecht gesagt werden kann, dass die PEGIDA-Bewegung und ihre verqueren Ideologien gegenüber vielen Menschen und Menschengruppen, ja gegen die grundlegenden Menschenrechte reinen Terror betreiben, ist uns vollkommen schleierhaft, wie sie hier NOPEGIDA und Terrorismus im gleichen Atemzug aufführen können.

5. Sie rufen dazu auf, gemeinsam für „Frieden und Toleranz“ zu schweigen. Eine denkbar schwierige Aktionsform hinsichtlich ihrer Symbolik. Schweigen hilft nicht – nicht dem Frieden, nicht den Betroffenen von Diskriminierung, Hass und Ausgrenzung, nein im Gegenteil: Schweigen zu gesellschaftlichen Missständen hilft niemals den Unterdrückten, lediglich denen von deren Seite ebendiese Diskriminierungs- und Unterdrückungsmechanismen ausgehen.

6. Schweigen als Ausdruck einer Forderung wirkt noch grotesker, wenn mit diesem Schweigen ein Zeichen gegen solche engagierten Menschen gesetzt wird, die eben nicht schweigen wollen und können, sondern entschlossen und lautstark für eine klare Position, ja ein effektives Auftreten gegen Abwertung von Menschengruppen einstehen. Für den Frieden einstehen geht nicht schweigend, nur mit klaren Bekenntnissen und Positionierungen, die Betroffene schützen und anderen solidarischen Menschen Mut geben, sich anzuschließen. Bei inzwischen fast täglich stattfindenden Übergriffen auf Flüchtlingsunterkünfte, religiöse Stätten und Menschen mit Migrationshintergrund – auch hier in der Region – interessiert uns ihre Einschätzung von Schweigen als probates Mittel und Hilfe für betroffene Personen.

7. Erst kürzlich wurde in großem Stil medial davon berichtet, dass anlässlich der PEGIDA-Demo in Köln der Kölner Dom als klares Zeichen gegen ebenjene und in Solidarität mit den Inhalten der NOPEGIDA-Bewegung seine Lichter abgeschaltet hatte. Ein klares Bekenntnis einer christlichen Institution für die NOPEGIDA-Bewegung. Wie stehen sie dazu?

8. Nun zu einem anderen Punkt, nämlich ihre Verwendung des Toleranzbegriffs und ihre Forderung nach Toleranz: Toleranz beschreibt die Erduldung (vermeintlich) fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Wäre aber nicht Akzeptanz die einzig nachhaltige Grundlage eines friedlichen gesellschaftlichen Miteinanders? Bitte erklären sie uns ihre Auffassung des Toleranzbegriffs.

9. Sie erwähnen lobend das friedliche Miteinander von „verschiedenen Gruppen der Gesellschaft und Religionen“ in Passau und möchten dies bekräftigen und verstärken. An sich eine erstrebenswerte Haltung. Dennoch verwirrt uns an dieser Stelle die explizite, systematische und bis heute hin offensiv umgesetzte religiös legitimierte und manifestierte Diskriminierung und Herabwürdigung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen (auch in Passau) durch einige ihrer einladenden religiösen Institutionen. Auch auf die Gefahr hin, sie mit ollen Kamellen zu langweilen, müssen sie sich die folgende Frage gefallen lassen: Wie lässt sich ihr Aufruf zu einem friedlichen Miteinander mit der systematischen Diskriminierung von homosexuellen Menschen durch die Glaubensauffassung und Codizes vieler teilnehmender religiösen Organisationen vereinbaren, gemäß dieser Homosexuelle systematisch diskriminiert, unterdrückt, schikaniert und auf religiöser Ebene kriminalisiert, sowie im Privaten, im Glauben und im Berufsleben – auch hier in Passau – sanktioniert werden.

Abschließend nun der Punkt, der uns eigentlich vollkommen sprachlos macht:
Ihren Kundgebungsflyer erhielten wir beim Besuch der Passauer Gedenkveranstaltung für die Opfer der Nationalsozialismus, anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz. An einem Tag, an dem all der Menschen gedacht wird, die Opfer unvorstellbarer Diskriminierung, Unterdrückung, Folter, Brutalität und einer erbarmungslosen Vernichtungsmaschinerie wurden, Opfer eines Systems und einer Ideologie, die von Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Homophobie und vielen weiteren lebensverachtenden Einstellungen geprägt war – an einem solchen Tag, wo allerorts unter dem Motto „Nie wieder!“ dazu aufgerufen wird, sich klar zu positionieren, klar einzutreten, anstatt noch einmal den Fehler zu machen, zu schweigen. An einem solchen Tag drücken sie uns ihren Flyer in die Hand. Einen Flyer, in dem dazu aufgerufen wird, für den Frieden zu schweigen, anstatt für ihn aktiv einzutreten, wo Toleranz statt Akzeptanz gefordert wird, wo antirassistisches Engagement mit rassistischem Terror gleichgesetzt wird, wo Institutionen für ein friedliches Miteinander aller gesellschaftlicher Gruppen werben, die explizit und unmissverständlich die Würde und gesellschaftliche Akzeptanz von einigen gesellschaftlichen Gruppen mit Füßen treten…

Wir begreifen dies als Schlag ins Gesicht aller Opfer des Nationalsozialismus, denen an diesem Tag gedacht hätte werden soll und wir begreifen dies als Schlag ins Gesicht aller Menschen, die auch 70 Jahre nach diesen systematischen Verbrechen Opfer von lebensverachtenden Ideologien und willkürlicher Diskriminierung aufgrund Merkmalen wie Sexualität und Weltanschauung werden. Und wir begreifen dies als Schlag ins Gesicht all jener Menschen, die sich mutig, engagiert und entschlossen jeden einzelnen Tag gegen solche Ideologien und Ressentiments einsetzen.
Wir hoffen inständig, dass sie auf unsere Fragen, Kritiken und Gedanken eingehen und diese aufklären können.

Mit verstörten Grüßen
Antifaschistischer Infoticker Passau sowie diverse Passauer*innen